„Bitte korrigier mich“ – Über Perfektion im Yogaunterricht

Das Thema Korrekturen dürfte jede Yogalehrerin und jeden Yogalehrer, aber auch alle Teilnehmenden am Yogaunterricht gelegentlich beschäftigen.

Mich auf jeden Fall immer wieder, es ist eins meiner Hot-Topics und meine Haltung gegenüber diesem Thema hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Das liegt an Erfahrungen, die ich selbst mache wenn ich zum Yoga gehe und natürlich wenn ich unterrichte.

Inspiriert, das alles nochmal festzuhalten, wurde ich nachdem ich Umfragezettel in meinen Kursen verteilt hatte und einige den Wunsch nach mehr Korrektur äußerten. Und ich mich ernsthaft gefragt habe ob ich diesem Wunsch folgen möchte oder nicht und wie das aussehen könnte. Hier nun meine Gedanken dazu, die gern als lebendige Diskussion verstanden werden können.

Als ich vor ca. 16 Jahren angefangen habe zum Yoga zu gehen wurde nicht viel korrigiert – mal eine Hand hier oder dort aufgelegt, das war’s eigentlich. In der Ausbildung lernten wir ein paar Grundgriffe für bestimmte Asanas, die im Grunde bei jedem angewendet wurden – das war eher routiniert. Ich habe das natürlich auch gemacht, bis ich gemerkt habe, dass ich nicht bei jedem Menschen einen 08/15 Griff anwenden kann um ihn in die von mir gewünschte Position zu bringen, zu ziehen oder zu drücken. Zu der Zeit, vor ca. 7-8 Jahren, gab es dann auch viele HandsOn – Bücher und Kurse und ich interessierte mich zwar sehr für das Thema, kam aber auch nicht so richtig weiter und stieß vor allem an innere Widerstände.

Manche Annäherungen, also Berührungen, konnte ich mir einfach für mich nicht vorstellen. Das mag an meiner Persönlichkeit liegen oder an den Zeiten, in denen wir leben (#MeToo) oder alles zusammen. „Fremde“ Menschen anzufassen, einfach so und fast überall, finde ich seltsam. Es hat was sehr Vertrautes wenn man in einer festen und bekannten Gruppe übt. Aber in meinen Kursen kommen viele neue TeilnehmerInnen hinzu, es ist wenig Zeit zum Kennenlernen und wenn Männer und Frauen gemischt üben kommen auch noch andere Themen ins Spiel.

Da geht es jetzt erstmal nur um das Thema Berührung. Ich bin ein großer Fan von Berührung und habe auch deshalb gelernt Massagen zu geben und wir alle brauchen körperliche Berührung, aber ist der Yogaunterricht dafür der richtige Platz?

Manche mögen sagen: „Ach, es tut doch so gut berührt zu werden.“ und insgeheim freuen wir uns auch über die Aufmerksamkeit. Dieses Bedürfnis sollte meiner Meinung nach aber auf jeden Fall in anderen Kontexten gestillt werden. Und wie Orthopäde und Yogalehrer G. Niessen mal in einer Fortbildung sagte, schaffen wir YogalehrerInnen auch eine gewisse Abhängigkeit bei unseren TeilnehmerInnen, wenn wir sie nochmal hier tätscheln und da massieren und etwas rumkorrigieren. Das wiederum bringt uns die nötige Aufmerksamkeit und füttert unser Ego als YogalehrerIn.

Abgesehen von der Berührung, die viele als angenehm empfinden, hat eine Korrektur natürlich eine andere Intention und zwar das Hinführen in die „korrekte“ Position. Da ich immer mehr zur Überzeugung komme, dass es DIE korrekte Position nicht gibt in einem Kurs mit 14 Leuten, korrigiere ich auch nicht mehr viel mit meinen Händen. 

Denn es sind 14 verschiedene Körper mit ihren Geschichten, Unfällen, Traumata, Stimmungen und Ansprüchen.  Ich kann als Kursleiterin nur einen sehr oberflächlichen Eindruck des Menschen haben, der gerade vor mir steht. Wenn ich nun mit meiner Vision, wie der herabschauende Hund bei Herrn X aussehen sollte, an ihm verschiedene Handgriffe vornehme um mein Ideal zu formen, missachte ich die o.g. Faktoren, die diesen Menschen ausmachen.  Ich weiß auch nicht ob Frau Y einen harten Tag hatte und wenn ich nun auch noch an ihr herumzupfe und korrigiere mag das einfach zu viel sein. Auch wenn ich als Lehrerin davon vielleicht gar nichts mitbekomme.  

Ich entziehe den Menschen auch die Fähigkeit selbst wirksam zu sein und störe sie womöglich in ihrer Phase des Hineinspürens. Vielleicht sind sie auch beim Tagträumen, aber diese Entscheidung liegt ganz bei den Übenden – wollen sie zuhören oder träumen, abschalten oder mitmachen, perfektionieren oder einfach sein. 

Verbales Korrigieren und Ansagen für die ganze Gruppe werden für mich deshalb immer mehr Mittel der Wahl, denn hier befähige ich jeden in sich hineinzuspüren, meine Anleitungen und Vorschläge können umgesetzt werden oder auch nicht – je nachdem ob sie Sinn machen beim Übenden. Ich selbst bleibe präsent, mache Vorschläge und biete Alternativen. Meine Aufmerksamkeit ruht auf den Übenden und sie werden gesehen.

Und dann kommen wir noch zu dem, was Yoga eigentlich möchte: es steht nirgends in den alten traditionellen Yoga – Schriften, wo die Hände, der Kopf, das linke Knie, der rechte Fuß in den Asanas stehen sollen. Es geht darum, den Körper kennenzulernen und gesund zu erhalten, den Geist zu beobachten und zu durchschauen, den Atem als Werkzeug zu benutzen und ethische Grundprinzipien zu befolgen um ein glücklich lebender Mensch zu sein, der sich und der Welt von Nutzen ist.  Was bringt es also hinsichtlich dieser Ziele, Arme und Beine in die richtige Linie zu bringen und blendend dabei auszusehen?

In therapeutischen Kontexten kann eine korrekte Ausführung natürlich vonnöten sein und auch im 1:1 Setting können Asanas viel detaillierter besprochen und geübt werden, da der Austausch hier direkt möglich ist. Der Gruppenunterricht jedoch ist keine Physiotherapie, sondern geht eher in Richtung Selbsterfahrung und kann präventiv wirken oder heilsam sein, muss er aber nicht.

Beim gesunden, im Leben stehenden Menschen ist das Hauptanliegen an einem Yogakurs teilzunehmen die Bewegung, Reduzieren von Stress, Aufbau von Muskulatur und Entspannung. Hierbei ist es nicht so wichtig ob alles korrekt aussieht, sondern wie ich mich in und nach der Yogastunde fühle, ob mir etwas wehtut oder ich mich regeneriert habe und ob ich nachhaltig vom Yoga profitieren kann.

Der Wunsch nach Perfektion ist doch kein Körperbedürfnis, sondern kommt aus unserer Leistungsgesellschaft, die uns allzu oft signalisiert, dass wir noch nicht gut genug sind und uns immer anstrengen müssen und noch besser werden sollten. Wir haben die Wahl, Perfektion als ein weit entferntes Zeil anzusehen oder auch zu glauben, dass alles in diesem Moment absolut perfekt ist, inklusive uns und unseren Körpern. Auch wenn unsere Yogaposen nicht so aussehen wie bei manchen auf Instagram oder im Yogajournal.

„Richtiges“ Yoga ist es für mich letztendlich dann, wenn der Körper intakt bleibt, der Geist ruhiger wird und ich alles in allem zufriedener mit mir sein kann und ich mich annehmen kann, wie ich bin.

Ich selbst habe schmerzhafte Erfahrungen mit Hand anlegenden Yogalehrern gemacht und auch aus diesem Grund werde ich zurückhaltender. Es ist schwierig genug sich selbst kennenzulernen und die eigenen Grenzen immer wieder festzustecken und zu respektieren, vielleicht sie auch zu erweitern, aber nur aus eigenen Stücken. 

Jemand von außen weiß nicht um unsere Prozesse, Wünsche und Ängste und kann demnach auch nicht entscheiden, wie unsere Vorwärtsbeuge am heutigen Tag auszusehen hat, es sei denn wir sind im Austausch darüber.

Ich wünsche mir selbst und allen Lesenden einen liebevollen Umgang mit dem eigenen Körper, Spaß und Freude an der Bewegung, Eintauchen in die Tiefen des Yoga und seine Erkenntnisse und immer genug Präsenz und Respekt für das eigene Sein.

OM SHANTI